Acker-Mond

In den letzten Jahren gab es regelmässig im Herbst die Acker-Nachlese, sprich einen Rückblick auf die vergangene Ackersaison, was funktioniert hat und was verbesserungswürdig ist. Dieses Jahr können wir damit nicht dienen. Aber wir haben uns etwas als Ersatz einfallen lassen. Viel Spaß beim Lesen. 
Acker-Mond 

„Arthus, auf, letzte Runde!“ Arthus erhob sich gemächlich und strecke umständlich seine Glieder. Viola ging nochmal ins Wohnzimmer. „Weißt Du was, Gregor“, ihr Göttergatte sah nicht vom Fernseher auf, in dem das Motorengeheul der Formel 1 dröhnte, „ich lauf grad noch schnell zum Acker und hol schon den Salat für morgen.“ Viola griff nach ihrem Opinelmesser und steckte es zum Schlüsselbund in die Hosentasche. Die kleine Ackerparzelle, die sie sich mit einigen Mitstreitern für einen Sommer gepachtet hatten, bedeutete nur einen kurzen Abstecher von der üblichen Gute-Nacht-Gassi-Runde. Sie verließ mit dem Doggen-Rüden das Haus. Ungewöhnlich laue Herbstluft nahm sie in Empfang. Der Vollmond erhellte die Nacht, obwohl der Föhnwind immer wieder Wolken vor sein Licht schob. Arthus trottete sein Revier mit der nerv tötenden Gründlichkeit eines alternden Hundes ab, hier und da sorgfältig Markierungen setzend.

Abweichungen von der Routine waren nicht sein Ding und so folgte er Viola mit demonstrativer Lustlosigkeit auf dem Abstecher zum Acker. Am Ackerrand blieb er stehen und knurrte ziellos ins Nirgendwo. Beginnender grauer Star und diffuse Lichtverhältnisse sind keine gute Kombination, Viola kannte das schon: „Da ist nix!“ Trotzdem würde ihn nichts dazu bewegen, mit auf den Acker zu kommen. 70 kg passive Verweigerung sind ein überzeugendes Argument und so ließ ihn Viola mit dem Kommando „Bleib!“ am Ackerrand zurück. Sie zweifelte, ob er wirklich bleiben würde, aber selbst wenn er in seinem Trödel-Schlendrian den Rückweg antrat, würde sie ihn rasch eingeholt haben. Sie würde ja nur schnell eine Endivie abschneiden.

Vorsichtig tappte sie den dunklen Trampelpfad zwischen Acker und Gebüsch entlang, bemüht die Brennnesseln zu meiden, die von der Gebüsch-Seite her immer wieder versuchten, den Acker zu okkupieren und den Nacktschnecken ein sicheres Rückzugsrefugium boten. „Warum hast Du auch keine Taschenlampe dabei!“, konnte sie die ironische Stimme Gregors in ihrem Kopf hören. „Weil ich nie eine dabei habe!“, konterte sie in Gedanken trotzig, als sie über einen Erntekorb stolperte und der Länge nach hinschlug. „Danke, liebe Mitackerer!“ Schnecken-Glibbsch breitete sich unter ihrer Hand aus. „Bäh!“ Sie versuchte den zähen Schnodder an einem Kohlblatt abzuwischen.

Ein Schnaufen ließ sie inne halten. Sie hielt den Atem an. Da schnaufte etwas, tief und wolllüstern, nicht weit von ihr. Stocksteif blieb sie liegen. Sie tastete nach dem Opinel in ihrer Tasche. Fast wäre es ihr aus der glitschigen Hand gerutscht. In der Ferne hörte sie das Bellen ihres Hundes. Er hatte offensichtlich einen Hasen hochgemacht. Da konnte er auf einmal rennen, statt ihr hier beizustehen…

Dumpfes Metallgeklirr… „Oh Mann“, peinliche Erleichterung stieg in ihr hoch, „die Kühe im Offenstall nebenan!“ Sie kannte die Geräusche doch! Sie erhob sich und klopfte sich die Erde aus der Kleidung. Wie doch die Nacht die Wahrnehmung veränderte… Sie schlängelte sich weiter den Trampelpfad entlang. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb die Wolken immer hastiger vor den Mond. Sein Licht zeichnete bizarre Schatten auf den Acker. Die Endivien hoben sich wie bleiche Abbilder des Mondes von der dunklen Ackererde ab. Sie würde jetzt nur noch schnell einen Salatkopf abschneiden, und dann war sie weg hier.

Die Erde, auf der sie kniete, verströmte noch den warmen Duft des vergangenen Herbsttages. Ihre Hand fasste nach der größten Endivie. Der Wind schickte eine Böe durch den kleinen Maisbestand der Nachbarparzelle. Unwillkürlich hob Viola ihren Blick und folgte dem Rauschen der mannshohen Maisstauden, die die Sicht auf den schmalen Durchgang zur nächsten Parzelle verdeckten. Der Mond blitzte zwischen den Wolken auf. Violas Blick wurde starr. Das Opinel fiel aus ihrer Hand. Da lag jemand! Hinter dem Mais, nur die Gummistiefel ragten aus dem Durchgang heraus. Sie hatte es genau gesehen, bevor die Wolken die Szenerie wieder verdunkelten.

Jetzt ist Schluss! Violas konnte ihr Herz bis zum Hals hinauf spüren. Sie wollte weg – einfach nur weg. Rückwärts krabbelnd tastete sie sich auf allen Vieren den Trampelpfad zurück, die Gummistiefel nicht aus dem Blick lassend, obwohl sie in der Dunkelheit gar nicht mehr zu sehen waren. Im Rauschen des Windes meinte sie Schritte zu hören, dann ein Schnaufen. Anders als das der Kühe, näher – ganz nah. Sie hielt inne, immer noch auf allen Vieren und widerstand dem Impuls, aufzuspringen und schreiend davon zu laufen. Sie konnte den schlechten Atem hinter sich riechen. Die Angst kroch ihr den Nacken hoch und mischte sich dort mit dem feuchten Kuss einer Zunge. „Ich stell mich tot! Ich stell mich einfach tot.“

Ein vertrautes „Viola?“ drang in ihr Bewusstsein. Sie dreht ihren Kopf. Über ihr stand Arthus, schwanzwedelnd, mit Gregor im Schlepptau. „Viola, was machst Du da?“ Gregor sah Viola ins Gesicht. „Gott, bin ich froh, dass Du da bist!“ „Arthus stand allein vor der Haustür! Ich hab mir Sorgen gemacht!“ Er zog sie hoch und nahm sie in den Arm. „Da vorn liegt einer!“, flüstere Viola.

„Wo?!“, Gregors Stimme klang eigenartig kalt und starr. Viola ging ein paar Schritte voraus Richtung Mais. Sie spürte, wie er hinter ihr zurückblieb und sich nach etwas bückte. Gregor hob das Opinel-Messer auf und sah sie an. Im Licht des Mondes glühten seine blauen Augen. Der Wind spielte sich in den Tomatendächern und brachte sie zum Singen. Gregor trat auf sie zu und packte sie an der Hand. „Du tust mir weh!“, protestierte sie. Er drückte seine Hand brutal auf ihren Mund und stieß sie zwischen den Stangenbohnen zu Boden. „Halt die Klappe!“ herrschte er sie an. Sie kannte ihren Mann nicht mehr.

Das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie konnte seine testosterongeschwängerten Ausdünstungen riechen, die sich mit ihrem Angstschweiß mischten. Sie versuchte sich zu befreien, aber gegen die Kraft seines Gewichtes hatte sie keine Chance. Arthus Knurren schwoll zu einem kehligem Grollen an, bevor es sich in der Ferne verlor. Wieso war dieser Hund nie da, wenn man ihn brauchte! Gregors Lippen näherten sich unnachgiebig ihrem Gesicht. Der Föhnwind riss an den Bohnenranken über ihnen, eine kräftige Wolke Bohnenkraut-Duft umwogte sie deplatziert. Viola schloss die Augen und drehte den Kopf zur Seite, als könnte sie dadurch irgendwas verhindern.

„Hast Du das gesehen?“ Gregors Stimme klang beunruhigt. Er lockerte langsam seinen Griff. Viola schüttelte misstrauisch ihren Kopf. „Was soll ich gesehen haben?“ Sie schob sich unter Gregor hervor, „Da war jemand. Da ist einer an uns vorbei gelaufen!“ Vorsichtig hob Gregor den Kopf und blickte sich um. Sogar der Wind hielt für einen Moment den Atem an. Eine Kuh muhte gedämpft in die Stille.

„Niemand mehr da...“ Langsam begriff Viola Gregors Intension.  „Trotzdem! Spinnst Du!“ Sie versetzte ihm einen kräftigen Buff auf die Brust. Gregor rieb sich die Stelle und stand langsam auf. Er half Viola in die Höhe und zog ihr eine Bohnenranke aus dem Haar. „Wo hast Du da jetzt jemanden liegen sehen?“ Er gab ihr das Opinelmesser und kramte seine Taschenlampe heraus. „Da vorn, neben dem Mais.“ Viola wies mit dem Messer fahrig in die Richtung. Im Lichtkegel der Taschenlampe wurden die Gummistiefel sichtbar.

Gregor ließ das Licht langsam weiter wandern, der geflickten, dreckigen Hose folgte ein weites Hemd, das im Wind flatterte. Viola blieb hinter Gregor, ganz nah. Sie blickte seinen Rücken an, als er schallend zu lachen begann. „Viola! Das ist die Vogelscheuche von der hinteren Parzelle. Ihr Stiel ist abgebrochen.“ „Echt jetzt?“ Der Mond ließ sein fahles Licht auf ein Strohgesicht fallen. Violas Lachen klang hysterisch und erschöpft. „Gregor, ich will jetzt heim. Keinen Bock mehr auf Salat.“ Gregor nahm Viola an der Hand und rief nach Arthus, ohne Erfolg. Bestimmt würde er schon längst vor der Haustür stehen.

„Hilfe…!“ Die Stimme wehte krächzig vom Kuhstall her. „Hilfe! Ist da jemand? Bitte! Helfen Sie mir!“ Gregor und Viola sahen sich irritiert an. Argwöhnisch bewegten sich die beiden auf die Stimme zu. Der Mond hatte sich inzwischen komplett hinter die Wolken zurückgezogen, der Föhn hatte nachgelassen und hinterließ stehende Dunkelheit. Kuhstall-Aroma durchzog mit Wiederkäu-Geräuschen die Luft.

„Wer sind Sie?“ Der Lichtkreis von Gregors Taschenlampe tastete sich im Schatten der Stallmauer entlang, bis er das Gesicht eines Mannes einfing. Die fistelige Stimme passte nicht zu seiner stämmigen Figur. Geblendet hielt er sich eine Hand vor die Augen. Viola umklammerte das Opinel-Messer fest, während Gregor das Licht etwas zurücknahm. „Was machen Sie hier!?“ „Ich… ich werde mich nie mehr vom Acker bedienen! Ich schwör.“ Er schaute nervös an sich hinab. „Aber bitte! Nehmen Sie den Hund da weg!“ Gregor ließ das Licht der Taschenlampe seinem Blick folgen. Sie konnten sich ein Grinsen kaum verkneifen.

Vor dem Gemüsedieb stand Arthus, ruhig und kompromisslos, mit den gefletschten Zähnen bedrohlich nah an dessen Männlichkeit. Die ausgewachsene Zucchini in der Hand des Diebes hatte schon deutlich an Länge eingebüßt. Davon ließ sich ein souveräner Doggen-Rüde nicht beeindrucken, auch wenn er nicht mehr so gut sehen konnte. Viola ging zu Arthus und griff in sein Halsband. „Guter Junge! Komm, wir gehen jetzt heim. Und Salat holen wir nur noch bei Tageslicht.“

Kommentare