Alter Englischer Schafhund

Bobtails haben mich lange Zeit durch mein Leben begleitet. Amanda, die Liebenswerte, zog 1992 bei mir ein. 1998 und 2001 kamen zwei weitere Old English Sheepdog dazu, beides Töchter von ZZ-Top aus der Alten Noris, Lynn und NoAn. Seit letztem Jahr sind wir nun - derzeit - hundelos. Das ergibt 23 Jahre Leben mit dieser alten Hütehund-Rasse, die oft als liebenswürdiger, aber bisschen trotteliger Kuschelhund abgetan wird. Das mehr in ihnen steckt, durften meine drei im Hundesport beweisen. Ungeachtet dessen trieb mich jedoch immer die Neugier um, wieviel Hütetrieb im Bobtail im allgemeinen und natürlich im Besonderen in meinen eigenen noch steckt.

Meines Wissens gab und gibt es in Deutschland keinen Bobtail, der an der Herde arbeitet. Um also einen ausgebildeten OES zu sehen, müsste ich wohl nach Amerika reisen. Dort wird Herding als Sport betrieben, es gibt Vereine, die die Arbeit an der Herde für alle Schäfer- und Hütehundrassen anbieten; es gibt Wettkämpfe und Championate. Auch dort ist der OES wohl ein Exot, aber immerhin findet man doch Bilder und Information darüber.
 
Aber unverhofft kommt oft, oder andersrum - wenn man sich mit einer Sache intensiv beschäftigt, tun sich doch immer wieder Möglichkeiten auf. Im Winter 2003 erhielt ich - zusammen mit zwei anderen OES-Besitzerinnen - kurzfristig die Gelegenheit, bei einer Schäferin genau dies zu testen.

"Unsere" Schäferin arbeitete fast ausschließlich mit Border Collies. Typischerweise arbeiten diese Koppelhunde an kleinen Schafgruppen und bringen sie dem Schäfer.Und so gab sie - die Schäferin - ganz offen zu, dass sie wenig Erfahrung mit Hunden hat, die treiben und an großen Herden arbeiten, wie es alten Berichten zu Folge wohl die Arbeitsweise der Old English Sheepdogs war. Doch genau darauf war sie durchaus neugierig.

Gleich zu Anfang machte sie uns klar, dass das, was wir hier an diesem einen Tag sehen würden, nicht viel mit gesteuerter Hütearbeit zu tun haben würde. Es würde uns das zeigen, was der Hund an Trieb und Instinkt mitbringt; selbstverständlich nicht unkontrolliert! Denn schließlich sind ja noch weitere Lebewesen, nämlich die Schafe, im "Spiel". Auch wenn dies Schafe es kennen, dass immer wieder fremde Hunde sie hüten.

Zeigten die mitgebrachten Hunde Trieb, versuchte die Schäferin weitere Merkmale zu beurteilen: Arbeitet der Hund leise oder laut? Mit viel oder wenig Abstand an den Schafen? Zeigt er Herdenverantwortung, d.h. bringt er sich absondernde Schafe von alleine wieder zur Herde zurück? Und hat er Balance? Unter Balance versteht man bei einem Hütehund den Standort zur Herde, von dem er den größten Einfluss auf die Herde hat. Bei einem Hund, der dem Schäfer zutreibt, ist das immer der Punkt auf der anderen Seite der Herde. Das ist die sogenannte 12-Uhr-Position, dem Schäfer direkt gegenüber. Ein Hund mit einem sehr guten Hüteinstinkt sollte diesen Punkt bevorzugt suchen und von alleine dort bleiben. So die Theorie - aber wie sah es nun in der Praxis aus?
 
Nun - zunächst zeigte meine NoAn nur mäßiges Interesse an den Schafen. Im großen Pen (ein kleines, rundes Gatter) schnuffelte sie zuerst herum, lief zu den Zuschauern am Zaun. Und dann war es, als hätte man einen Schalter umgelegt. Sie begann die Schafe zu umkreisen, zunächst noch etwas gemäßigt und dann voll Speed, sehr nah und sehr laut mit sich überschlagender Stimme.

Sie zeigte Herdenverantwortung, indem sie ein Abdriften einzelner Schafe zu verhindern suchte und ihr dies auch immer wieder gelang. Balance zeigte sie keine, es ging rund und rund und rund. Wir versuchten NoAn an zum Ändern der Laufrichtung zu veranlassen. In der Ausbildung soll der Hund dadurch u.a. lernen, dass der vordere Halbkreis an der Schafherde dem Menschen gehört, der hintere ihm.

Lief NoAn gegen den Uhrzeigersinn, war ein Kippen in die andere Richtung leich möglich. Ein einfaches Entgegengehen mit einer entsprechenden Handbewegung zum geeigneten Zeitpunkt reichte aus. Sie zum Wechsel in die andere Richtung zu bringen, war bedeutend schwieriger. Wir brauchten dazu ein massives Entgegenstellen mit einer harten, deutlichen Handbewegung, verbunden mit einem lauten "Hey"-Ruf. Und das ganze exakt im richtigen Augenblick. Da ich den besseren Einfluss auf NoAn hatte, versuchte es hauptsächlich ich. Allerdings hatte ich das Handicap, dass ich das Verhalten der Schafe nicht sonderlich gut einschätzen konnte. So hatte ich mich selbst über kurz oder lang meist in eine "Sackgasse" bugsiert. ;-) Aber prinzipiell funktioniert es.

 
Unsere Schäferin versuchte desweiteren, NoAn's Arbeitsdistanz zu den Schafen zu erweitern. Sie drückte sie mit scheuchenden Bewegungen von den Schafen weg. Das funktionierte auch für den Moment, für den sie scheuchte. Und schwupps, war NoAn wieder an der Herde. Tja - so ein Bobtail lässt sich da nicht so leicht beeindrucken. Überhaupt stand NoAn ziemlich hoch im Trieb. Da war ich am Ende der "Hütestunde" schon froh, dass die Schleppleine noch dran hing.

Insgesamt meinte die Schäferin, könnte sie sich eine Ausbildung dieses Hundes als Alltagshelfer vorstellen. Die Schafe würden, wenn sie den Hund kennen, z. B. auch ein nahes Arbeiten akzeptieren lernen. Allerdings war sie sich - mangels Erfahrung - nicht ganz darüber im Klaren war, wie man mit diesem Hundetyp mit seiner rasseüblichen schwereren Beeinflussbarkeit in der Ausbildung am besten verfahren würde.

Gleichzeitig war sie positiv überrascht, dass die OES im Großen und Ganzen ziemlich schonend mit ihren Schafen umgingen. Auch wenn es aus Unerfahrenheit der Hunde manchmal etwas hektisch wurde. Nur ein Bobtail nahm sich eine Wollprobe. Von den anwesenden Border Collies griffen beide mehrmals zu.
 
Noch im gleichen Sommer ergab sich - an einer anderen Schafherde - abermals die Möglichkeit zum Hüten. Ich war natürlich sehr gespannt, wie NoAn auf die Schafe reagieren würde. Ich hatte ehrlicher Weise befürchtet, dass sie hysterisch kläffend am Weidezaun hin und her rennen würde, um nur möglichst schnell zu den Schafen zu gelangen. Aber… sie hielt die Klappe! Nicht, dass sie die Schafe nicht interessierten. Ganz im Gegenteil, die Schafe waren von höchstem Interesse. Aber selbst als andere Hunde an den Schafen arbeiteten, verfolgte sie alles mit Argus-Augen, sagte aber keine Ton dazu.

Allerdings nur so lange, bis sie zu den Schafen durfte – daran hat sich nicht wirklich viel geändert. NoAn hütet laut! Obwohl mir das Bellen weniger vorkam als im Win­ter… Aber ob mit oder ohne Gebell, insgesamt war NoAn viel weniger hektisch und konzentrierte sich nicht nur auf die Schafe, sondern auch auf mich.
 
More distanz, please! Das Thema Abstand zu den Schafen beschäftigte uns noch in verschiedenen Hüte-Workshops. 

Im Vergleich zu unseren ersten Hüteversuchen hat sich NoAn’s Arbeitsdistanz zu den Schafen etwas vergrößert, nicht viel - aber immerhin. Doch die größte und schönste Überraschung, die NoAn für mich bereithielt, war, dass sie anfing die Balance zu halten! Nicht immer und mit großem Pendeln nach 9-Uhr und 3-Uhr – aber kein Vergleich mit dem unablässigen Kreisen um die Schafherde wie im Winter. Bei voller Konzentration trieb sie mir die Schafe gleichmäßig und zuverlässig zu und wir schafften ein Slalom durch vier Futtereimer hin und zurück. Hach – was war ich stolz auf mein Mädel!

Auch als die Schafe in die Disteln marschierten – hatten sie doch die Erfahrung gemacht, dass einige Hunde diese pieksigen Pflanzen mieden – hielt NoAn das nicht von ihrer Arbeit ab. Und noch eine Verbesserung in NoAn’s Lenkbarkeit war festzustellen. Denn trotz aller Motivation konnte ich sie jetzt auch ohne Probleme von den Schafen abrufen, wenn wir mit dem Hüten aufhörten. Zwar musste sie jedes Mal noch zwei, drei Mal den Schafen nachschauen, ob denn jetzt wirklich Schluss ist, doch dann folgte sie mir willig und ohne Leine von der Weide.
 
NoAn hält die Balance! 

Für die Hunde ist das Hüten ziemlich anstrengend und zwar weniger, weil sie viel gelaufen sind. Alle unsere Hunde sind bei guter Kondition - nein, der Kopf hat gearbeitet, und das auf Hochtouren. So war es ganz typisch, dass der Nachmittag wesentlich unkoordinierter verlief, einfach weil die Konzentration bei den Hunden nachließ.

Am witzigsten war zu beobachten, dass die Hunde irgendwie alle nach dem Motto herumliefen: "Und sie wissen nicht, was sie tun!" Denn, wie uns die Schäferin schon sagte, es ist der pure Trieb. Ich würde es aus der Sicht der Hunde so beschreiben: "Ich hab keine Ahnung, was ich hier tu - aber ich muss es tun, und es fühlt sich einfach geil an!"

Text und Bilder sind aus den Jahren 2003 - 2005. Bei der Qualität der Bilder bitte ich um Nachsicht, immerhin handelt es sich hier durchweg um eingescannte Fotos. ;-)

Kommentare

  1. Das ist ja ein interessanter Bericht, mich erstaunen die Hunde immer aufs Neue, wie sie lernen, die Schafe zu hüten.
    Schön finde ich das Wort "Wollprobe". Mein Herr Hund hätte sicher auch eine genommen.
    Grüße ins Wochenende
    Jo

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    1. Hallo Jo,
      ja, ich finde das Thema, warum und wieso Hunde Schafe hüten auch super-spannend. Und die kurzen Einblicke, die ich nehmen konnte, haben mir gezeigt, was für ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Lebenwesen das ist. Echt Hochachtung für jeden Schäfer mit arbeitendem Hund.
      Dir auch ein schönes Wochenende
      Lieben Gruß Sylvia

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